
Die Genese der Katastrophe
Autor: Gero Fedtke
Noch vor 40 Jahren
war der Aralsee der viertgrößte See der Welt,
eine riesige Wassermasse inmitten der mittelasiatischen
Wüsten. Bis heute hat dieser See 2/3 seiner Fläche
und 3/4 seines Volumens verloren. Wie konnte es dazu kommen?
Das Aralbecken ist ein so genannter
"abflussloser Raum", dessen Flüsse in Binnenmeere
oder Seen entwässern. Ein solcher Endsee ist auch
der Aralsee, der von zwei Zuflüssen, dem Amu-Darja
und dem Syr-Darja gespeist wird, bzw. wurde. Geologisch
ist der Aralsee ein recht junger See. Er entstand mit
dem Abschmelzen der Eiskappen nach dem Ende der Eiszeit
vor etwa 20 000 Jahren. Vor 3000 bis 5000 Jahren bildete
sich die Wasserfläche, wie sie 1960 bestand. Der
Wasserspiegel war seitdem immer wieder Schwankungen ausgesetzt.
Ein wichtiger Grund dieser Schwankungen liegt darin, dass
die beiden Zuflüsse über flache Schwemmlandterrassen
flossen, so dass bereits geringe Veränderungen des
Flussbettes große Wassermassen umlenken konnten.
Große Teile des Aralsees waren sehr flach, folglich
reduzierte auch ein verhältnismäßig geringer
Rückgang des Wasservolumens schnell seine Oberfläche.
Auch bewirkten die heißen Sommer eine große
Verdunstung, verstärkt durch die im Verhältnis
zu seinem Volumen große Oberfläche des Aralsees
(die mittlere Tiefe betrug etwa 16 Meter). Daher führte
ein Ausbleiben der Zuflüsse sehr rasch zu einem starken
Rückgang der Wassermenge.
Die Existenz des Aralsees ist also abhängig von dem
Zufluss aus den Flüssen Amu-Darja und Syr-Darja.
Alle fünf mittelasiatischen Republiken sind Anrainer
dieser Flüsse. Der Umgang mit dem Wasser in allen
Republiken hat Auswirkungen auf den Aralsee. Seit Menschengedenken
wird den Flüssen der Region Wasser zur künstlichen
Bewässerung von Feldern entnommen. Die vorindustriellen
Methoden der Bewässerung waren zwar nicht frei von
Problemen, bedeuteten aber keine so großen Eingriffe
in die Natur, wie die zu Sowjetzeiten angewendeten Methoden.
Sie waren zumeist auch effektiver.
Mit der russischen Herrschaft begann die Vergrößerung
der bewässerten Flächen in einem zuvor nicht
da gewesenen Maße. Das Zarenreich entdeckte seine
Kolonie als Rohstoffquelle: der Trend zur Baumwollmonokultur
ist für die russische Kolonialzeit schon erkennbar.
Gegen Ende des Jahrhunderts wurden etwa 2,5 Mio ha Land
bewässert. Doch erst in der Sowjetunion begann die
Ausbeutung der Ressourcen in großem Stil.
Das betraf auch den Fischfang im Aralsee, der bislang
kaum eine überregionale Rolle gespielt hatte. Er
wurde seit den zwanziger Jahren ausgeweitet: wurden Ende
der zwanziger Jahre etwa 5000 Tonnen Fisch im Jahr gefangen,
so stieg diese Zahl auf 44.000 Tonnen. Der Fischfang ernährte
etwa 60.000 Fischer mit ihren Familien.
Im Ferghanatal wurden Ende der dreißiger Jahre erste
große Kanalprojekte in die Tat umgesetzt. Weitergehende
Bewässerungspläne der Vorkriegszeit im Rahmen
des "Stalinplans zur Umgestaltung der Natur"
konnten zunächst nicht verwirklicht werden. Damit
wurde ab 1950 begonnen. 1950 beschloss der Oberste Sowjet,
den Kanalbau in großem Stil anzugehen. Neuland sollte
gewonnen werden - vor allem für Baumwolle.
Von 1950 bis 1990 stieg die bewässerte Fläche
im Aralseebecken von 4,7 Mio auf 7,9 Mio Hektar, die Baumwollanbaufläche
von über 1 Mio auf drei Mio Hektar. Der Reisanbau
- der die dreifache Wassermenge des Baumwollanbaus verbraucht
- wurde nach 1960 forciert: die Anbaufläche stieg
von 46000 auf über 300000 Hektar.
Um diese Flächen bewässern zu können, wurden
Tausende Kilometer Kanäle in den Sand gegraben. Der
größte, Fanal der Gigantomanie, ist der Karakumkanal
(heute Turkmenbaschi-Kanal). Mit seinem Bau wurde 1950
begonnen. Er zweigt bei Kerki aus dem Amu-Darja, durchzieht
Turkmenistan in Richtung Westen auf einer Länge von
ca. 1500 km und bewässert vor allem das Land am Fuße
des Kopet-Dagh - Gebirges. Der Kanal allein verursacht
etwa 40% des Wasserverlustes des Aralsees.
Insgesamt verdunsten etwa 40-60% der den Zuflüssen
entnommenen Wassermenge aus diesen Kanälen oder versickern
im Sand. Denn die Kanäle sind über weite Strecken
weder gedeckt noch ausbetoniert. Das Wasser seiner beiden
Zuflüsse Amu-Darja und Syr-Darja erreicht den Aralsee
kaum noch. Damit verschwanden die Urwälder in ihren
Mündungsgebieten. Die Austrocknung des Aralsees selbst
als zwangsläufige Folge wurde von zynischen Wirtschaftsplanern
ignoriert, bzw. bewußt in Kauf genommen.


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